Home > Aktuell > Insektenhotel — oder ein Grabmal von Ökologen?

Insektenhotel — oder ein Grabmal von Ökologen?

Insektenhotel im Ökowerk Teufelssee

Von Michael Springer

Naturliebhaberei und Do-it-Yourself-Philosophien treiben in Deutschland bisweilen seltsame Blüten. — „Regenbogen-Themen“ einer bunten Illustrierten-Presse sind Geschichte, heute stehem „grüne Bau-Themen“, „Urban Gardening“, Hochbeete aus Altholz-Paletten und als ökologisch verstandene Bauweisen, auf den Titelseiten.

60 Jahre nach Erscheinen des Sachbuchs „Der stumme Frühling“ der US-Biologin Rachel Carson, ist heute das Insektensterben nicht nur im Bewußtsein der Öffentlichkeit und sondern auch im Baumarkt-Sortiment angekommen. Artenschutz, Biodiversität und Insektenschutz werden in aufrüttelnden Werbe- und Spenden-Kampagnen beworben. Bausätze für Insektenhotels sind im Angebot.

Wann die erste Idee für den Bau von „Insektenhotels“ entstand, liegt noch etwas im Dunkel der späten siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verborgen, als Ökologie und Alternative Architektur zu prägenden Debattenthemen wurden.

In Architekturkreisen wurden in Deutschland seit 1978 traditionelle Bauweisen, Lehmbau, Holzbau und landestypische Baukunst populär: „Das Haus als Teil des Naturkreislaufs!“ — Bauökologie wurde zur Entwurfsaufgabe, die Mensch und Natur miteinenander versöhnen sollte.

Vor allem die Auseinandersetzung um einen pestizidfreien Holzschutz förderte neues Wissen über holzzerstörende Insekten und auch nützliche überwinternde Insekten empor, die in Ritzen, Fugen, Bohrgängen und Poren von Baustoffen, Dachstühlen und Fensterlaibungen nach frostfreien Winter-Behausungen suchen.

Plötzlich wurde offenbar: auch nützliche Insekten folgen dem Menschen bis ins Haus, suchen im Winter die wärmende Nähe beheizter Gebäude und frostfreier Ecken, Ritzen und Fugen.

In der naturnahen Gartengestaltung wurde der Wert von Laub- und Reisighaufen, Trockenmauern und ungemähten Staudenfluren erkannt. Stehengelassene Blütenstände wurden als ökologische Nischen und Winterquartiere für Insekten und Kleintieren entdeckt. — Der Mensch als Gärtner, Hobbywerker und Bauherr konnte plötzlich zum tätigen Helfer der Natur und lebendigen Umwelt werden.

Ein Boom entstand seitdem: „Ökologisches Bauen,“ „Naturschutz und Insektenschutz“ — das müsste sich doch verbinden lassen, und unter ein gemeinsames Dach bringen lassen? — In der Umweltpädagogik entstand eine starke Bewegung, Kindern alle Varianten der natürlichen Lebensweisen von Pflanzen, Tieren und Insekten „modellhaft“ nahe zu bringen.

Im Ökowerk, in den Freilandlaboren und Gartenarbeitsschulen, auf vielen Schulhöfen, an Kitas und in Parks entstanden kunstvolle „Insektenhotels“, meist aus alten Baustoffen, Altholz, Lehm, Stroh und Geäst, das von Holzständerwerk getragen wird.

Doch sind es wirklich ökologische Nischen zur Überwinterung von Maskenbienen, Mauerbienen, Mörtelbienen, Schlupfwespen und Grabwespen? — Schlüpfen hier Marienkäfer, Hummeln und andere Insektenim Spätherbst unter, um erfolgreich zu Überwintern?

Aufschluß über die Wildbienen-Arten können die verschiedenen Nestverschlüsse geben, die Dr. Paul Westrich aus Kusterdingen einen Bestimmungsschlüssel erarbeitet hat. — Ansonsten hilft nur Nachschauen und Beobachten, was sich in den ersten warmen Frühlingstagen am Insektenhotel tut.

Wildbienen, die keinen eigenen Staat haben, haben es sehr schwer: sie überwintern als Biene oder Bienenpuppe in einem Kokon. Natürlichen Unterschlupf finden sie in Asthöhlen, Büschen, Trockenmauern oder in Steinhaufen. Insektenhotels sind jedoch keine sichere Unterkunft, denn sie können falsch gebaut, oder am falschen Standort aufgebaut sein. Der Wikipedia-Beitrag zum Thema Insektenhotels ist auch ungewöhnlich detailliert — und führt viele Fehler bei der Bestückung auf.

Anders als etwa alte Bauernhäuser sind Insektenhotels auch nicht frostfrei — sie frieren durch und lassen damit die Überwinterungsstadien von untergeschlüpften Insekten erfrieren. — Überlebenschancen haben vor allem Insekten, die Glycerin im Blut bilden, und so gegen Frostgrade einigermaßen geschützt sind,

Ob Insektenhotels funktionieren, oder aber zum „Grabmal von Ökologen“ werden, ist noch nicht systematisch untersucht. — Es wäre ein echtes „Citizen-Science-Projekt,“ die Überwinterungserfolge von Insekten in Insektenhotels systematisch zu kartieren und zu untersuchen!

Kontakt: info@charlottenburg-wilmersdorf-zeitung.de