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Iranischer Kulturverein plötzlich heimatlos in Berlin

Sprachmittler Dehkhoda e.V.

Der 1985 gegründete Kulturverein Dehkhoda e.V. hat nach langer erfolgreicher Arbeit in Charlottenburg-Wilmersdorf plötzlich keine Bleibe mehr.
Das Integrationsbüro in Wilmersdorf-Charlottenburg hat in seinem neuen Auswahlverfahren für neue Mieter im Pangea-Haus dem Verein eine Absage erteilt. Der von iranischen Migrantinnen gegründete Verein fällt damit der Neuausrichtung des Pangea-Hauses in der Trautenaustraße 5 zum Opfer. Ab Januar 2021 ist der Kulturverein Dehkhoda e.V damit ohne eine Anlaufstelle.
Elham Ebrahimpoor ist von der Entscheidung der Auswahljury tief betroffen, zumal der Verein nur eine formloses Schreiben erhalten hat.

Der politisch unabhängige Kulturverein Dehkhoda e.V. ist in Berlin eine wichtige Anlaufstelle persischsprachiger Immigrant*innen und bietet Kontakt, Orientierung und vor allem Sprachförderung und interkulturellen Austausch.

Der Verein wurde nach dem iranischen Linguisten, Historiker und Politikwissenschaftler Ali Akbar Dehchoda benannt, der auch als Autor des umfangreichsten Wörterbuchs der persischen Sprache bekannt ist.

Der Dehkhoda e.V. hat sich über lange Jahre erfolgreich in Berlin als Forum zur Förderung der iranischen Kultur und im deutsch-iranischen Kulturaustausch profiliert. Sprachunterricht, Musik, Kunst, Literatur und Beteiligung an Kulturfesten im Bezirk, die aktiven Mitglieder des Vereins wurden zu vielen Anlässen sichtbar.
Viele Vereinsmitglieder haben eine persönliche Migrationsgeschichte. Nun soll der Verein ab 2021 seine als neue Heimat empfundenen Räume im Pangea-Haus verlieren.

Elham Ebrahimpoor vermißt Transparenz und Aufklärung:
„Das für uns Verfahren ist nicht transparent gelaufen. Uns wurde keine Begründung genannt, keine juristische Belehrung. Uns liegt aber die Information vor, dass es Streitigkeiten in der Jury gab.“

Lesung mit Navid Kermani im Literaturhaus Berlin - Foto:  Dehkhoda e.V.
Lesung mit Navid Kermani im Literaturhaus Berlin – Foto: Dehkhoda e.V.

In Vereinskreisen befürchtet man nun, keine neuen Räume zu finden, und den kulturellen Mittelpunkt zu verlieren. Mit einem Hilferuf hat sich der Vorstand auch an seine Mitglieder gewandt, die nun ihrerseits weitere Unterstützer*innen mobilisieren.
Wie wichtig die Arbeit des Dehkhoda e.V. ist, signalisiert die Stellungnahme von Dr. Frank Keidel (59), Pfarrdiakon in Berlin-Wedding:

„Seit mehr als drei Jahren besuche ich den Persischunterricht bei Dehkhoda e.V. in Wilmersdorf. Seit über 5 Jahren bin ich ehrenamtlich im kirchlichen Bereich in der Betreuung und Begleitung von afghanischen und iranischen Geflüchteten tätig. Es begann im Herbst 2014, als ich einen jungen Iraner während des Kirchenasyls in unserer Weddinger Gemeinde betreute. Wir konnten uns zwar auf Englisch verständigen, aber keine intensivere Kommunikation führen.
Mir war es wichtig, den geflüchteten Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, und dazu gehört neben Interesse an der Kultur auch die Sprache.
Nachdem ich lange vergeblich nach einem Persischkurs gesucht hatte und mir aus der Not heraus einige Vokabeln angeeignet hatte, entdeckte ich den Kultur-Verein Dehkhoda. Hier wurde unter anderem ein Sprachunterricht angeboten, wie ich ihn brauchte.
Der Unterricht ist sehr engagiert und didaktisch wertvoll aufgebaut und vermittelt auch wichtige Hintergrundkenntnisse über die Kultur, das Denken und Fühlen sowie die persische Geschichte und gesellschaftliche Gepflogenheiten.
Meine Persisch-Kenntnisse nahmen zu. Inzwischen war ich mehrmals im Iran und konnte die Kenntnisse sehr gut anwenden.
Diese sind für meine ehrenamtliche Arbeit vor Ort sehr wertvoll, denn sie lassen die Integration von Geflüchteten in meinem Umfeld besser gelingen.
Wer wie ich als Ehrenamtler über Sprache und Kultur der Menschen Bescheid weiß und die Sprache selbst spricht, kann intensiver und sensibler auf die Menschen eingehen.
Für diese Wissensvermittlung danke ich dem Verein Dehkhoda sehr. Er fördert durch seine Arbeit die Integration in unserer Stadt in bemerkenswerter Weise. Der Verein leistet daher aus meiner Sicht einen nicht hoch genug einzuschätzenden Beitrag zur Integration.“

Weitere Informationen:L
Dehkhoda e.V. | Trautenaustraße 5 | 10717 Berlin | www.dehkhoda.net

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