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Terraforming im Volkspark Jungfernheide

Volkspark Jungfernheide

Von Michael Springer

Im Volkspark Jungfernheide wird ein Experiment durchgeführt, das vereinfacht als „Terraforming“ verstanden werden kann.
Der Fachbereich Grünflächen des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf führt ab November 2022 „Maßnahmen zur Regeneration und Vitalisierung“ durch, die nährstoffreichen Pflanzenkohle-Kompost in den Oberboden einbringen. — Die Arbeiten werden bis ins Frühjahr 2023 andauern.

In der Pressemitteilung vom 15.11.2022 sagte dazu Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger in zeitgenössischer Berliner „Politologen-Logik“:

„Die Sanierungsmaßnahmen zielen darauf ab, den verfestigten Boden aufzulockern, den Wasser- und Nährstoffhaushalt zu verbessern und somit die Wiese widerstandsfähiger gegen Belastungen zu machen sowie gleichzeitig die Erholungsfunktion der Wiese zu verbessern. Durch die Pflanzenkohle wird CO2 aus der Atmosphäre dauerhaft im Boden gebunden und somit ein wichtiger Beitrag im Kampf gegen den fortschreitenden Klimawandel geleistet. Gleichzeitig hilft sie beim natürlichen Humusaufbau und stärkt die Pflanzen auf ganz vielfältige Art. Eine wahre Win-win-Situation!“

Mit Pflanzenkohle das Klima retten?

Das Terraforming im Volkspark Jungfernheide kann man sich vereinfacht als Einbau eines „Pflanzenkohle-Flözes“ vorstellen, auf dem danach wieder Rasengräser angesät werden. Immerhin sollen auf diese Weise einmalig ca. 70,4 Tonnen CO2 zusätzlich im Boden gebunden werden.

Das entspricht in etwa der Größenordnung den jährlichen sommerlichen CO2-Emissionen von Grillkohle-Feuern in den Berliner Parks mit genehmigten Grillplätzen.

Das Thema Pflanzenkohle hat derzeit in Kreisen von Klimaschützenden große Konjunktur, weil es mit Hoffungen zum Klimaausgleich verbunden werden kann: „CO2 wird quasi Biokohle-Form in bepflanzbaren „Oberboden-Flözen“ verbuddelt und mindert den CO2-bedingten Temperaturanstieg der Erdatmosphäre.“

Was sagt die Bodenkunde dazu?

Zunächst muss der Charlottenburger Umweltstadtrat an die Rechtslage erinnert werden, denn es gilt auch das Bundes-Bodenschutzgesetz (BBodSchG) und das zugehörige Berliner Ausführungsgesetz (Bln BodSchG), das auf die nachhaltige Bewahrung der Funktionalität des Bodens abzielt, die vor allem durch „gute fachliche Praxis“ zu sichern oder wiederherzustellen ist. — Schädliche Bodenveränderungen sind möglichst zu vermeiden oder bei anhaltend negativer Funktionalität gegebenenfalls zu sanieren.

Bei Einwirkungen auf den Boden sollen Beeinträchtigungen seiner natürlichen Funktionen sowie seiner Rolle als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte so weit wie möglich vermieden werden. — Dies wird hier auch ausdrücklich in Erinnerung gerufen, weil sich Umweltstadträte in Berlin dabei „erwischen“ lassen, wie sie im Rahmen von „Urban Gardening“-Philosophien den Boden ohne Risikoforschung zum „mikrobiellen Experimentier- und Entsorgungsraum“ etwa von Kompost aus Babywindeln machen.

„Terra Preta“ bezeichnet Böden, die durch menschliche (indigene) Bewirtschaftung entstanden, und im Unterschied zu den umliegenden Böden um ein Vielfaches höhere Gehalte an organischen Komponenten aufweisen. Damit sind diese Böden sehr viel fruchtbarer. „Terra Preta“-Böden speichern relativ große Mengen an Kohlenstoff, können Wasser sehr gut aufnehmen und zurückhalten, sowie Nährstoffe pflanzenverfügbar zur Verfügung stellen. Scheinbar ergibt sich daraus eine „zwingende win-win Ökologik.“ — Die interdisziplinäre Wissenschaft der Bodenkunde hält jedoch Warnungen bereit!

Die Forschung zu „Stadtböden Berlin – C-Speicher der Zukunft? (CarbonStoreAge)“ hat z.B. Ergebnissse im 6-Monatsversuch gebracht: „Pflanzenkohle wirkt sich positiv auf die Bodenverbesserung von kontaminierten Rieselfelboden aus und könnte die Standortbedingungen für Energiepflanzen in Kurzumtriebsplantagen verbessern.“ — Auf Rasen- und Wiesenflächen wurde es noch nicht untersuscht!

Terra Preta ist als „Schwarze Wundererde“ ist vor allem als Geschäftsmodell inzwischen in Gartencenter und Ökoprojekten angekommen. Dr. Ines Vogel von der FU Berlin warnt: „Pflanzenkohlehaltige Substrate können ein Instrument im Werkzeugkasten der bodenverbessernden Maßnahmen sein, neben anderen Verfahren.“ — „Ein Wundermittel sind sie indes nicht.“ (siehe: Schwarze Wundererde? | NABU).

Mehr Nährstoffe, mehr Wasserbedarf — mehr CO2 und CH4?

Mehr Nährstoffe bedeuten in der Pflanzenbiologie auch höhere biologische Aktivitäten, und auf Dauer auch mehr CO2- und mittelbare Methanemissionen durch Kompostierung und Zersetzung.

Auch mahnt der vom Charlottenburger Gartendirektor Erwin Barth 1926 entworfene Wasserturm im Volkspark Jungfernheide daran, den Faktor Wasser nicht zu unterschätzen.

Wiesengräser und Wiesenpflanzen neigen bei zu guter Nährstoffversorgung zu überschießenden Wachstum und zum „Geilwuchs.“ — Sie verdorren schnell in den heutigen sommerlichen Hitzeperioden.

Das Pflanzenschutzamt Berlin zeigt übrigens aktuell in seinen Bewässerungsempfehlungen für Stadtbäume die „Bodenfeuchte“ in einem Modelldiagramm an, das einen für Straßenbäume tödlichen roten Bereich zwischen dem Datum 24.5.2022 bis zum heutigen Tage aufzeigt.

Bei Wiesen- und Rasenflächen passt sich die Vegetation in der Regel gut an: sie vertrocknet im Juli, und ergrünt wieder schnell nnach dem ersten Regen!

In Hitzesommern mit Verdunstungsraten von über 140 mm (DWD) und mehr, nützt die „schwarze Wundererde“ nichts.

Ob die Ziele der ökologischen Aufwertungsmaßnahmen im Volkspark Jungfernheide per „Terraforming mit Biokohle“ ereicht werden, ist sehr fraglich.

Der Klimawandel ist bereits weit fortgeschritten, das 1,5 Grad-Ziel ist in Berlin bereits überschritten.

Im Vorhaben zur „Nachhaltigen ökologische Aufwertung des Naturraums „Volkspark Jungfernheide“ in Charlottenburg-Nord“ fehlt ein „Öko-Audit“ zum notwendigen und gesicherten Wasserbedarf!

Die Investition in eine geregelte Beregnungsanlage ist wohl die sinnvollere Option für einen Volkspark!