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Anzeigenblatt „Berliner Abendblatt“ wird eingestellt

Fallende Blätter und Anzeigenblätter

Der Berliner Verlag stellt im kommenden August sein Anzeigenblatt „Berliner Abendblatt“ ein. Die kostenlose Zeitung erschien nach Angaben des Verlags in einer Auflage von etwa 1,45 Millionen jeweils am Wochenende. Die Verteilung des Anzeigenblattes in Briefkästen und Hauseingängen wies allerdings auch immer wieder Lücken auf.

Grund für die Einstellung seien „ökologische Erwägungen“ und der sich wandelnde Markt, wie die Geschäftsführung gegenüber rbb24 am 28.5.2021 mitteilte.
Tatsächlich gibt es beim Geschäftsmodell kostenloser Anzeigenblätter auch massive und kaum lösbare betriebswirtschaftliche Probleme:

  • die kostenlose Hausverteilung macht nur Sinn wenn flächendeckend verteilt werden kann. Briefkasten-Aufkleber: „Keine Werbung“ stören das Geschäft.
  • der Mindestlohn für Zeitungsausträger sorgt für höhere Verteilkosten.
  • Zeitungsausträger wandern in andere wettersichere Jobs mit Mindestlohn ab, etwa in Logistikzentren und Warenkommissionierung im Online-Handel.
  • Anzeigenschaltungen gehen zurück, gleichzeitig wandern die großen Anzeigenbudgets ins Internet ab, oder werden in eigene Apps investiert.
  • Kosten des Anzeigenvertriebs fressen mögliche Erträge auf.
  • Kosten einer lokalen Voll-Redaktion werden nicht mehr erwirtschaftet.

Das Geschäftsmodell kostenloser, wöchentliche zugestellter Anzeigenblätter als reiner Anzeigen- und Beilagenträger ist bundesweit ohnehin in der Krise. Nicht nur die technologische Entwicklung der Internet-Medien hat das Geschäftsmodell obsolet gemacht.
Die Kernleserschaft hat sich fragmentiert: interkulturelle Zuwanderung, Sprachwandel und neue Lesegewohnheiten, Demografiewandel — und das viel höhere ökologische Verantwortungsbewusstsein haben das Geschäft mit gedruckten Anzeigenblättern überholt.

In jedem Fall ist die Einstellung des „Berliner Abendblatt“ ein Verlust für die Presselandschaft, denn es gibt noch viele Zielgruppen in der Stadt, die auf verläßliche gedruckte Informationen angewiesen sind.

Die Berliner Bezirksämter und der Senat kompensieren und geben längst eigene Broschüren für Jung und Alt heraus. Sie versuchen den Rückgang der Lokalpresse auszugleichen, und die Stadtgesellschaft mit staatlichen Mitteln und Personaleinsatz zusammen zu halten.

Umstrittene Presseförderung gescheitert

Das gescheiterte Modell einer vom Bundestag in Aussicht gestellten Presse-Vertriebsförderung hat Verleger wohl auch endgültig entmutigt.

Die geplanten 220 Millionen Euro hätten bundesweit ohnehin nur wenig bewirkt. Bei insgesamt 41,5 Millionen Haushalten mit rund 82,8 Millionen Haushaltsmitgliedern wäre die direkte Vertriebsförderung schnell verpufft. Für eine digital-mediale Innovationsförderung wären die Mittel wohl auch besser angelegt.

Berliner Presselandschaft im Wandel

Von der Einstellung des gedruckten „Berliner Abendblatt“ sind acht Mitarbeiter im Berliner Verlag betroffen, die aber hausintern weiter beschäftigt werden sollen. Offen ist noch, ob die digitale Ausgabe des „Berliner Abendblatt“ weitergeführt oder sogar noch ausgebaut wird.

In jedem Fall ist die Einstellung des „Berliner Abendblatt“ ein Verlust für die Presselandschaft, denn es gibt viele Zielgruppen in der Stadt, die auf verläßliche gedruckte Informationen angewiesen sind.

Die Berliner Bezirksämter geben längst eigene Broschüren für Jung und Alt heraus, und versuchen so den Rückgang von Lokalpresse mit sehr hohen Aufwand zu kompensieren. Staatliche Betreuung und informationelle Kuratierung der Stadtgesellschaft treten an die Stelle freier Presse.

Gedruckte Zeitungen und Anzeigenblätter vor dem Aus?

Das Geschäftsmodell von kostenlosen Anzeigenblättern fällt heute offenbar aus der Zeit. Es hat auch bisher keine nachhaltige Innovationsfreude von Verlegern geweckt. Schon seit Jahren wurden viele Innovations-Chancen verpaßt, die durch Synergien zwischen Nachrichtenwert, Nutzwert und Servicefunktionen herstellbar sind.

Lieferdienste und Zeitungen — geht es auch zusammen?

Neben die Stelle der gesicherten Zustellung der Wochenzeitung treten nun immer mehr Lieferdienste an — mit gewaltigen Kosten für Logistik, Marketing und Botenzustellungen und Hauslieferung. Mit zweistelligen Millionenbeträgen werden allein Plakat- und Internet-Kampagnen gefahren. Kapital, das in digitale Provisionsmodelle und Internetwerbung fließt, das außerhalb der Stadt verdient wird und Marktkonzentrationen immer weiter stärkt.
Amazon ist einer der Gewinner: in der Produktsuche und Produktwerbung bereits in führender Rolle — und erfolgreicher Vertriebskanal für Medien und Zeitungsmedien. Die großen Lebensmittelhändler wie Aldi, Edeka, Lidl und Rewe bauen längst an Themenwelten, die Kunden und Lesezeiten binden. Der Zeitungsvertrieb wird schon bald von neuen Playern übernommen werden, die gesicherte Hauszustellungen absichern.

Informationen zur Stadtgesellschaft nur noch zum „Anschalten!“

Mit dem Wegfall der gedruckten Zeitungen ist ein Zivilisationsbruch im Gang: Informationen zur Stadtgesellschaft kommen nicht mehr einfach ins Haus und können gelesen und aufbewahrt werden.
Stattdessen werden Nachrichten, Informationen der Stadtgesellschaft, Werbung und Kleinanzeigen des lokalen Mittelstands nur noch nach dem „Anschalten“ eines Bildschirm-Geräts angenommen und wahrgenommen.
Das geduldige Papier der Zeitung als „Gedächtnis“ fehlt.

Wirtschaftlicher Mittelstand, lokale Händler und Gewerbetreibende, Parteien und Kommunalpolitik haben noch nicht im Ansatz verstanden, wohin das führt — in welche Krisen sie damit selbst hinein geraten!
Vor allem verändert sich die volkswirtschaftliche Wertschöpfung, wenn die lokale Marktkommunikation sich in überregionale Strukturen verlagert.