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Um den Erhalt von Galeria Karstadt Kaufhof wird gerungen

Galeria Karstadt Kaufhof

Der seit 2016 eingeschlagene Sanierungskurs und die teilweise relativ erfolgreiche Restrukturierung von Galeria Karstadt Kaufhof ist vorläufig endgültig. Im Wettbewerb mit dem wachsenden Online-Handel hatte der Einzelhandelsexperte Stephan Fanderl als Vorstandsvorsitzender von Galeria Kaufhof noch das Unmögliche geschafft: durch harte Sparmaßnahmen machte Karstadt zumindest ab 2017 nach Jahren der roten Zahlen vorübergehend wieder einen kleinen Gewinn. Doch die Fusion von Karstadt und Galeria Kaufhof erwies sich als zu langwierig. Mit der Corona-Pandemie kaum nun der große Umsatzeinbruch, der den Konzern unter das Schutzschirmverfahren zwang.
Dreh- und Angelpunkt sind die hohen Mietkosten, die den Konzern an vielen Standorten trotz operativ schwarzer Zahlen ins Minus drücken.

Absturz durch die Corona-Pandemie

Im Juni 2018 feierte Konzern-Chef Fanderl noch die Grundsteinlegung für ein neues Karstadt-Haus in Berlin-Tegel. Doch intern kam es schon längst zum Streit über die Neuausrichtung der Warenhäuser. Die Auflagen der Lockdown brachten schließlich Kaufhaus-Konzern zum Absturz. Fanderl verließ den Konzern nach wochenlanger Reha-Abwesenheit Anfang Juni. Der Insolvenzplan wurde schon vom eingesetzten Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz und Sachwalter Frank Kebekus ausgearbeitet.

Bundesweit sollen nun 62 der 172 Standorte geschlossen werden. In Berlin trifft es gleich sieben Standorte: das traditionelle Karstadt am Tempelhofer Damm soll geschlossen werden. Auch die Standorte Karstadt Wilmersdorfer Straße, Gropiuspassagen, Ringcenter, Müllerstraße, Hohenschönhausen sollen geschlossen werden. Der im Bau befindliche Neubau in Alt-Tegel soll vermutlich nicht eröffnet werden.

Bezirksbürgermeister, Politik und Wirtschaft sind alarmiert

Die Schließungspläne sind für die betroffenen Einzelhandelslagen in Berlin eine Katastrophe, weil die Kaufhäuser nach wie vor eine wichtige Ankerfunktion als Frequenzbringer haben. In der Wilmersdorfer Straße konnte Galeria Karstadt Kaufhof vor Corona auch noch von vielen gleichzeitig laufenden Baustellen profitieren.

Die Wirtschaftsförderung in allen Berliner Bezirken ist ohnehin schon seit Wochen besorgt, denn die sichtbare Zeichen des Corona-Lockdowns mehren sich im Berliner Stadtbild: Ausverläufe und leere Läden.
Die geplante Schließung von sechs Galeria Karstadt Kaufhof-Filialen bedeutet den Verlust der wichtigen Zentrenfunktionen in den Geschäftslagen.

Senat und Rat der Bezirksbürgermeister suchen nach Lösungen

Der Berliner Senat und die Bezirksbürgermeister der betroffenen Berliner Bezirke suchen nach Lösungen, zumindest einige der Galeria Karstadt Kaufhof-Filialen zu erhalten. Wichtigste Variable: eine nachhaltige Senkung der Mietkosten in den einzelnen Häusern.
Hierzu muss jedoch eine Zustimmung der Eigentümer ausgehandelt werden. Eine Aufgabe, die nun der GeneralbevollmächtigtenArndt Geiwitz und Sachwalter Frank Kebekus lösen müssen.

Das Land Berlin kann nur flankierend mit arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen eingreifen, und mit den Beschäftigtenvertretungen nach Lösungen suchen, wie Kurzarbeit, Weiterbildung und Altersübergang.

Fehlgeschlagenes Business Improvement in Berlin?

Im Berliner Einzelhandel läuft ein äußerst harter Innovationswettbewerb, in dem es die Kaufhäuser mit ihrer Warenvielfalt sehr schwer haben.
Der stark gewachsene Online-Handel stellt für Innenstädte eine große Gefahr dar, weil die Kaufmotive für den Großstadtbummel zunehmend nach Haus oder in Supermärkte verlegt werden.
Flanieren und Shoppen will nicht mehr gelingen, wenn sich in den Einkaufsstraßen keine Fachhändler mehr halten können. Optiker, Hörgeräteakustiker, Sanitätsbedarf, Friseure und Kosmetik-Studios ziehen nur noch individuelles Zielpublikum an. 1-Euro-Shops und MäcGeiz-Filialen sind dann sichtbares Zeichen von Down-Trading. Aus Erlebnis-Einkaufen und Ankerfunktionen wird dann eine reine Versorgungsfunktion.

Im Wettbewerb der Center, Kaufhäuser und Handelsketten haben auch Stadtmarketing und Standortmarketing keinen Platz mehr. Der Kampf um Social-Media-Follower und Klicks sorgt auch für schwindende Synergien
im Gemeinschaftsmarketing.
City-Arbeitsgemeinschaften und Standortinitiativen bringen nur punktuelle zeitliche Aktionen zustande, die sich oft nur in der Finanzierung von Weihnachtsbeleuchtungen erschöpfen.
Der Echtzeit-Wettbewerb mit dynamischen Pricing bei den Amazon-Prime-Kunden kann so nicht mehr gewonnen werden. Business Improvement funktioniert einfach nicht mehr im radikalen Transaktionskosten-Wettbewerb der Handelskonzerne.

GALERIA Karstadt Berlin Spandau offenbar stabil

In Berlin-Spandau darf man wohl aufatmen. Hier ist die Neupositionierung der Altstadt Spandau mit integrierten Einsatz von Altstadt Management, Partner für Spandau e.V. und dem Tourismusmarketing schon gut gelungen.

Galeria Karstadt Spandau baut mit seinen weiten ÖPNV-Netzen auf eine sternförmige Magnetwirkung, und zieht über den Regionalverkehr auch viele Pendler und Kunden aus Brandenburg an.

Die in Berlin vor der Schließung stehenden Standorte von GALERIA Karstadt Kaufhof sind in ihren städtischen Einkaufslagen dagegen vorwiegend auf standortgebundene Kundenpotentiale und beschränkt. Im Wettbewerb mit den 66 großen Einkaufs-Centern und ihrem Angebotsmix konnten keine ausreichenden Synergien für die Kunden aufgebaut werden.

Der Traum von Flaniermeilen dürfte auch bald ausgeträumt sein, weil heute digitale Handelssysteme, DTC-Marken* und „Kuriermeilen“ zählen.

Auch Geschäftstraßen-Gemeinschaften als „Vereine ohne wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb“ geraten damit in die Kritik, wenn sie weder Synergien herstellen, noch Kundenfrequenzen steigern, oder Handelsvorteile hervorbringen. Wenn jedes „Device“ zum Ladengeschäft wird, ist stationärer Handel bald passé.

*DTC = Direkt-to-Consumer-Marken

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