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Wissmannstraße nach anderen Namensgeber benennen

Wissmannstraße in Grunewald

Kolumne: Michael Springer

Die Wissmannstraße in Neukölln wurde nach einem Beteiligungsverfahren umbenannt in „Lucy-Lameck-Straße“. Lucy Lameck war Frauenrechtlerin und erste tansanischen Frau in der Regierungsverantwortung ihres Landes ( 1934-1993).
Die Umbenennung erfolgte aufgrund eines Beschluß der BVV von Neukölln, der geschichtliche Aufarbeitung des Straßennamens „Wissmannstraße“ vorsah. Die Verstrickung und Täterschaft des Namensgebers Herrmann von Wissmann (1853-1905) in Kriegszüge und Massaker der deutschen Kolonialarmee an der afrikanischen Bevölkerung war dafür der Anlaß.

Herrmann von Wissmann trug als Reichskommissar und Gouverneur von damals Deutsch-Ostafrika ((heute Tansania, Burundi und Ruanda) die Verantwortung für eine barbarische Kriegsführung.

Umbenennung der Wissmannstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf
Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) setzt sich auch für eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte „auf lokaler Ebene“ ein. Dazu gehört auch eine Umbenennung der Wissmannstraße. Das Bündnis Decolonize Berlin e.V. und der Bezirk hatten am 5. März eine digitale Informationsveranstaltung für Anwohner und Interessierte veranstaltet. Anschließend wurden Namensvorschläge gesammelt. Demnach sind Anwohner und Initiativen aus Charlottenburg berechtigt, Vorschläge zu machen.

„Gesucht werde vorzugsweise eine Namensgeberin, die in Charlottenburg-Wilmersdorf gelebt und sich um den Bezirk besonders verdient gemacht, oder die Widerstand gegen die Kolonialmächte geleistet oder afrodeutsche Geschichte sichtbar gemacht hat. Die BVV soll schließlich am Ende über den neuen Namen entscheiden.“

Neue Namensgeberin für die Wissmannstraße?
Das Pro- und Contra einer Namensgebung im Fall Wissmannstraße in Neukölln ist durch örtliche Initiativen wie die Werkstatt der Kulturen, durch den Postkolonial e.V. und den Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER) auf eine historisch-politische Perspektive verengt worden. Eine politische Debatte um Geschichte und Aufarbeitung ist damit in Gang gesetzt worden – die vor allem in die Geschichte zurückblickt.
In Charlottenburg-Wilmersdorft wird aktuell eine ähnliche, rückblickende Namensgebung angestrebt.

Alternative: Auswechslung des Namensgebers
Die Möglichkeit einer Auswechslung des Namensgebers der Wissmannstraße wurde nicht ernsthaft geprüft!
Hermann von Wissmann (* 2.9.1896 in Etzweiler, † 5.9.1979 in Zell am See, war deutsch-österreichischer Arabienforscher und Professor für Geografie. Er ist Sohn des umstrittenen kolonialen Reichskommissars und Gouverneurs Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann.

Der Sohn hat sich als Forscher vor allem mit der antiken Geographie Südarabiens (heute Yemen) und mit der fast vergessenen Geschichte dieses Raums beschäftigt.
Er entwickelte eine Chronologie des Alten Südarabien und gilt als wichtigster Verfechter der so genannten Langen Chronologie, welche die Anfänge des Sabäerreiches bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. datiert.

Namensgeber – statt Straßenschilder auswechseln
Ein Wechsel des Namensgebers der Wissmannstraße wäre heute auch eine wichtige Anregung, den Blick auf den barbarischen Krieg im Yemen zu lenken, und endlich neue Friedensbemühungen und Hilfsaktionen für die dort verhungernde Bevölkerung anzustoßen.

Auch die große Geschichte des alten Königreiches von Saba sollte damit neu ins Bewußtsein geholt werden.

Die Altertumsgeschichte Süd-Arabiens mit den Reichen Saba, Ausan. Qataban und Hadramaut zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. bis zur Ausbreitung des Islam ab 632 n.Chr. zeigt Wurzeln einer Hochkultur und Bewässerungskultur, die bis heute auch die arabische und yemenitische Identität prägt, und das heutige Überleben im Klimawandel sichern kann.

Mit dem Fernhandel entlang der Weihrauchstraße, die von Dhomar (Oman) über Gaza nach Damaskus führt, kamen Weihrauch, Myrrhe, Zimt und Safran bis nach Europa, die damals als begehrte und teuer bezahlte Waren,
Handel und Wohlstand verbreiteten.

Die Zeit drängt: denn im Yemen steht heute auch die ganze Wiege der Zivilisation mit der Ausprägung von Hitzezonen vor der Auslöschung durch den Klimawandel.

Eine Würdigung des Arabienforschers Herrmann von Wissmann wäre ein wichtiges Zeichen, die Geschichte und altes Wissen zu integrieren, um den Blick ganz auf die Zukunft konzentieren zu können. Dazu gehört auch, die arabischen Kulturen und ihre Identitäten in die Weltgemeinschaft zu integrieren.
Eine weiter in die Zukunft gerichtete Debatte rund um die Prioritäten von Frieden, Zivilisation und Klimawandel ist heute dringend notwendig.