Freitag, 19. Juli 2024
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Couch statt Kultur: Die Pandemie hat zu einer Entwöhnung von klassischen Kulturangeboten geführt

Couch statt kulturelle Teilhabe: KInd allein zu Haus

Das Institut für Kulturelle Teilhabeforschung in Charlottenburg hat heute erste bestürzende Ergebnisse aus der Studie „Kulturelle Teilhabe in Berlin 2023“ veröffentlicht.

Die Besuche von klassischen Kulturangeboten wie Ausstellungen, Theater-, Opern-, Ballett- und Tanztheateraufführungen oder klassische Konzerte nehmen bereits seit mindestens fünf Jahren ab.

Rückgang des Kulturpublikums als Trend

Dieser Trend hat sich 2023 nochmals deutlich verstärkt und verstetigt:

  • 42 % der Berlinerinnen besuchen diese Angebote inzwischen seltener als vor der Pandemie.
  • Vor allem Ältere bleiben diesen Angeboten inzwischen fern: 53 % der Über-70-Jährigen besuchen sie seltener als vor der Pandemie. Das bedeutet, die große Generation der Babyboomer bricht als Kulturpublikum noch schneller weg, als es demografisch zu erwarten war.
  • Das Nachrücken eines jüngeren Nachwuchspublikums ist weiterhin nicht erkennbar.
  • Sinkendes Besuchsinteresse ist vor allem bei Berlinerinnen sichtbar, die nie, nur selten oder gelegentlich klassische Kulturangebote wahrnehmen.

Stärksten Einfluss auf Besuchs- und Auslastungszahlen dürfte aber der Schwund bei der Gruppe der Viel-Besucher haben, sie brechen weg. Im Durchschnitt besuchen fast 35 % von ihnen diese Angebote inzwischen weniger oft. Als wichtigsten Grund für seltenere Kulturbesuche nennen die Berlinerinnen ein verändertes Freizeitverhalten. Die Pandemie hat zu einer Entwöhnung von Kulturbesuchen geführt, freie Zeit wird öfter zu Hause und mit anderen Tätigkeiten verbracht.

Weitere Gründe:

  • Noch immer wirkt die Angst vor Ansteckung mit Krankheiten bei einem Kulturbesuch. Diese Sorge hat sich bei knapp 16 % der Bevölkerung als Dauerthema verstetigt.
  • Vor allem die jüngeren Menschen fehlen bei klassischen Kulturangeboten zunehmend. Dabei spielen auch die herkunftskulturelle Diversität und die fehlende Option der Mitgestaltung mit.
  • 29 % der Unter-30-Jährigen fühlen sich außerdem in traditionellen Kultureinrichtungen fehl am Platz.
  • Aber auch 25 % der Berliner Bevölkerung insgesamt empfinden den Charakter von klassischen Kulturveranstaltungen als steif. Sehr verbreitet ist der Wunsch nach mehr lockeren Veranstaltungen, bei denen man auch etwas essen und trinken kann (50 %).
  • Stabil dagegen bleibt dagegen insgesamt die Wertschätzung für die Berliner Kultur: In der Zeitreihe 2019 bis 2023 befürworten unverändert 84 % der Berliner*innen die Förderung klassischer Kulturangebote mit öffentlichen Mitteln. Eine hohe Zustimmung (96 %) gilt auch für den Wunsch nach dem Erhalt der Angebote für kommende Generationen.

Die Analysen basieren auf der dritten repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur Kulturellen Teilhabe in Berlin, die, finanziert von der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, im Sommer 2023 vom IKTf durchgeführt wurde. Die ausführliche Studie „Kulturelle Teilhabe in Berlin 2023“ erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2024.

Digitalisierung, Informelle Seggregation und Amtsprache

Kommentar 1: Der Rückgang der Kulturbesucher hat vor allem auch mit medienökonomischen und sozioökonomischen Zusammenhängen zu tun. Armut, Einsamkeit und eingeschränkte Mobilität wirken systemisch. Dazu kommen die besonders für Kinder dramatischen Veränderungen während der Lockdowns. Gravierende psychische Folgen sind inzwischen sichtbar geworden, bis hin zur Selbstmorden.

Was nur wenige sehen: es gibt eine gravierende informelle Seggregation. Kulturinformationen müssen immer mehr gesucht, abgefragt und auf kleinen Smartphone-Bildschirmen gefunden werden. Die Sichtbarkeit von Kulturangeboten ist geschwunden. Social Media haben auch die Fähigkeiten und Perspektiven von Kulturakteuren und Publikum beeinflusst. Kulturanbieter sind oft nicht einmal mehr in der Lage, inspirierende und einladende Pressemitteilungen zu erstellen. Publizieren wurde quasi verlernt.

Zudem lohnen Lokaljournalismus und Kulturjournalismus nicht mehr, und sind hinter Abo-Paywalls und auf spezielle und elitäre Publikationen beschränkt.

Latent und dequalifizierend wirkt auch die in ganz Berlin grassierende Amtssprache,
mit ideologisch angetriebener „Luftwort-Kommunikation.“ — Aktuelles Beispiel: „Winterfest mit Adventssingen“ in der Pressemitteilung vom 4.12.2023 im Nachbarbezirk Tempelhof-Schöneberg.

Anstelle von Künstlern und Bürgern mit Namen und konkreten Kulturanangeboten tritt eine „Gruppe von aktiven Akteur_innen“ auf. Anstelle eines originären Kulturprogramms, gibt es „kostenlose Kreativ- und Mitmachangebote für Kinder und Jugendliche und alle Nachbar_innen. Getränke und Essen werden kostengünstig angeboten.“
Mit derart armseligen Kulturankündigungen wird geistige Leere zum Programm — und kann sicher nicht das „Zusammenleben im Bezirk“ verbessern.

Ticketportale & digitale Diskriminierung senken Kulturinteresse

Kommentar 2: Redaktionelle Kulturankündigungen und inspirierende „Einladungen“ zum Kulturbesuch verschwinden mehr und mehr, und erreichen nur noch das „Special-Interest-Publikum.“ — Ticketportale sorgen auch für schwindende Kostendeckung bei Zeitungen und Redaktionen. Damit sinkt das redaktionelle Angebot. Das Allgemeininteresse erlischt nach und nach, wird auch nur dort weitergetragen, wo es zahlungskräftige Großeltern gibt.
SocialMedia und Plakatwerbung sorgen im Zusammenklang mit Leser-Paywalls in Zeitungen dafür, dass Kulturankündigungen nicht mehr die ganze Stadtgesellschaft erreichen. Die Zusammenhalt fördernden Funktionen von Kultur verlieren sich, beschränken sich zunehmend auf „kleine, elitäre und einladene Öffentlichkeiten.“ — Die offene Gesellschaft verliert ihre integrierenden und vertrauensbildenden gemeinsamen Erfahrungsräume.
Dazu kommt eine systemische digitale Diskriminierung: die Werbefinanzierung von Lokalpresse wird durch Public-Relations- und Pressemitteilungen ersetzt. Viel Geld bleibt in den PR-Agenturen hängen. In der Lokal- und Kulturpresse fehlen in Berlin mindestens 3-6 Journalisten je 100.000 Einwohner.
Lobby-Netzwerke wie etwa die AG City und der Handelsverband sorgen für einen exorbitanten Anstieg der „medialen-digitalen Blindleistung.“ Das sind Informationen und Anzeigen, die verarbeitet und geschaltet werden, die aber niemand im Zielpublikum sieht. Zusammen mit Adfraud und Adblocking und Overmatching in sozialen Netzwerken, haben wir in Berlin eine Größenordnung von mehr als 400 €/Einwohner/Jahr errreicht. Das falsch eingesetzte Kapital schaufelt nutzlos Daten in die DataCenter der GAFAM-Plattformen. Es sind fast 1,5 Mrd. Euro pro Jahr, die besser in Berlin bleiben können!
Die Charlottenburg-Wilmersdorf Zeitung und das Mediennetz Berlin sind übrigens „supereffizient, inklusiv, datensparsam und nachhaltig“ und benötigt effektiv nur etwa 1,44 €/Einwohner/Jahr in 2024.

Weitere Informationen:

Institut für Kulturelle Teilhabeforschung www.ktf.berlin


Einfach.SmartCity.Machen: Berlin! — Eine Medienebene für die offene Gesellschaft und für das inklusive, europäisch geprägte Kultur- und Wirtschaftsmodell! – Keine Logins für Leser – keine Abo-Paywalls. Das ist die Mindestanforderung für die Aufrechterhaltung der intelligenten und sozialen Stadt. Soziale Märkte und soziale Marktwirtschaft, Allgemeinwohl und Prosperität haben eine mediale und technisch-normative Basis!*
Kontakt: info@anzeigio.de

*) Kennzahlen zum Scheitern der Berliner Smart City-Strategie werden weiter methodisch ermittelt! PR-Agenturen und „Pressesprecher“ von Kulturinstitutionen ohne konnektierbare lokale Marketing-Budgets werden konsequent ausgelistet!